„Der Mensch wird am Du zum Ich.” (Martin Buber)
Entwicklungsdialog
Fortbildungskurs für WaldorflehrerInnen, ErzieherInnen und MitarbeiterInnen in Einrichtungen der Heilpädagogik, Sozialtherapie und sozialen Arbeit.
Der Kurs führt ein in die Methode des Entwicklungsdialogs, d.h. er vermittelt grundlegende methodische und diagnostische Fähigkeiten der in der Waldorf- und Heilpädagogik seit langem angewandten "Kinderbetrachtung" bzw. "Sozialtherapeutischen Konferenz".
Wahrnehmung und Selbstreflektion werden ebenso geschult wie die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen. Der anschließende Team-Dialog über die so gewonnen Einsichten ermöglicht neue Handlungsansätze.
Dozenten
Dominique Tolo-Litschgy, Heilpädagogin, Reittherapeutin, Bothmergymnastin
Annette Pichler, Heilerziehungspflegerin, Psychologin (BSc Open University)
Inhalte
Teil 1
Heilpädagogische Grundfähigkeiten und -haltungen:
- Phänomenologische Betrachtungsweise
- Reinliches Anschauen
- Achtung vor dem Geheimnis des Gegenüber
- Die jeweilige Bedeutung objektiver und subjektiver Wahrnehmung
- Beobachten - Beschreiben - Einfühlen (mit Übungen zur Selbsterfahrung)
Diagnostische Gesichtspunkte und Kriterien:
- Interdisziplinäres Arbeiten
- Bedeutung des Fragezeichens in der Diagnostik
- Der "heilpädagogische Fall" als Experte seiner selbst
- Wahrnehmung verschiedener Aspekte: Körper, Zeitphänomene, Seelisches, Soziales (mit Übungen)
Anthroposophische Gesichtspunkte zur Wahrnehmung des Menschen
- Einführung, angelehnt an die Vorträge 2 und 10 aus der Allgemeinen Menschenkunde sowie den 5. Vortrag aus dem Heilpädagogischen Kurs
- Drei pädagogische Konstitutionsbilder:
- Großköpfig - Kleinköpfig
- Kosmisch - Irdisch
- Vorstellungsreich - Vorstellungsarm
- Selbsterfahrung und Reflektion in Bezug auf die Konstitution
Einführung in den Aufbau des Entwicklungsdialogs
(Fortsetzung und praktische Anwendung in Teil 2 im Frühjahr 2013)
Teil 2
Der zweite Teil des Kurses gliedert sich in eine Einführung, praktische Übungen und Anwendung auf ein Fallbeispiel. Alle Teilnehmer sind gebeten, eine aktuelle Fragestellung mitzubringen. Es wird dann gemeinsam ausgewählt, welcher "Fall" konkret bearbeitet wird. Bei Interesse besteht die Möglichkeit, einen zweiten Termin zu vereinbaren!
Geschichte
Seit Beginn der anthroposophisch orientierten Pädagogik und Heilpädagogik spielt die "Kinderbesprechung", eine besondere Form des Teamdialogs zur Situation eines Kindes, eine zentrale Rolle. In der heilpädagogisch orientierten Arbeit in sozialtherapeutischen Gemeinschaften mit Erwachsenen wurde diese Methode nach und nach auch als Sozialtherapeutische Besprechung bekannt.
Der Entwicklungsdialog ist im Rudolf-Steiner-Seminar Bad Boll seit Jahrzehnten ein zentraler Bestandteil der Weiterbildung zum staatlich anerkannten Heilpädagogen.
Im Jahr 2010 erschien die erste kontrollierte Studie zu diesem Thema. Die Autoren wählten den neuen Begriff "Entwicklungsdialog", da sie in ihrer Beobachtungsstudie in einem Waldorfkindergarten feststellten, dass der auf Entwicklung ausgerichtete Dialog im Zentrum des Geschehens stand.
Durchführung
Die einzelnen Stufen des Entwicklungsdialogs nach Ruhrmann (siehe Buchtip) sind:
Gruppenbildung bzw. Vorbereitung: Inneren und äußeren Raum vorbereiten.
Bildgestaltung: Beschreibung des Menschen nach verschiedenen Gesichtspunkten (Leib, Zeitstrukturen, Verhalten, Biographisches).
Urteilsbildung: a) Empathisches Erfahrungsurteil: Ich versuche, mich in die Situation des betreffenden Menschen hineinzufühlen und dabei nach und nach unabhängiger zu werden von meiner eigenen Befindlichkeit - b) Fachliches Erkenntnisurteil aufgrund der Beurteilung als Lehrer, Heilpädagoge, Arzt, Psychologe ...
Entschlussphase: Neue Handlungsansätze entwickeln und gemeinsam tragen.
Rückblick auf den Prozess und die Ereignisse im Anschluss, direkt im Anschluss und nach einigen Wochen.
Entwicklungschance für den Einzelnen
Dieser Prozess fordert eine intensive Auseinandersetzung auch mit der eigenen persönlichen Entwicklung. Zum Beispiel:
Will und kann ich mich wirklich auf diesen Prozess einlassen?
(Phase 1)
Was kann ich noch tun, um meine Wahrnehmung so zu entwickeln, dass ich wirklich wahrnehmend und nicht persönlich gefärbt beschreibe? Kann ich die Wahrnehmungen der anderen gelten lassen? (Phase 2)
Wie weit gelingt es mir schon, mich in das Erleben eines Menschen hineinzuversetzen, ohne meine persönliche Befindlichkeit damit zu vermischen? Was hindert mich noch? Was kann ich tun, um mein Erleben reiner werden zu lassen? (Phase 3)
Wie steht es mit den Handlungsansätzen? Werden sie gemeinsam getragen? Können wir das, was wir uns vornehmen, auch wirklich durchführen? Wer hat welche Aufgabe? Sind wir im Entwickeln von Handlungsansätzen wirklich dem Menschen, um den es geht, zugewandt? (Phase 4)
Wie kann ich den schwierigen Weg von einer Einsicht zu deren Umsetzung gestalten? Kann ich mich selbst ehrlich reflektieren? Wie gebe ich konstruktive Rückmeldungen, und wie gehe ich mit Feedback von anderen an mich um?(Phase 5)
Im Sinne des interaktiv-dialogischen Ansatzes des Rudolf-Steiner-Seminars gehen Fortbildungsteilnehmer und Fortbildungsgestalter mit diesen Fragen gemeinsam um.
Dieser Kurs findet im Rahmen des Offenen Studiums statt, d.h. Sie studieren gemeinsam mit unseren Heilpädagoginnen in Ausbildung.
Termine
Teil 1: 05.-07.11.2012
Teil 2: Frühjahr 2013
Es gibt nur wenige freie Plätze!
Buchtips:
D. Heidtmann
& R. Schmitt:
Entwicklungsdialog
Ingrid Ruhrmann:
Die Kinderkonferenz
A. Gäch & I. Ruhrmann:
Schulung diagnostischer Fähigkeit durch Erkennen der eigenen Konstitution, Zeitschrift Seelenpflege, Heft 4/2000.
A. Seydel:
Ich bin Du Kindererkenntnis
in pädagogischer Verantwortung


